.
.
|
Dieser Roman erzählt meine eigene frühe Kindheitsgeschichte, beschränkt auf die Jahre 1950 – 1958. Er ist zu ca. 85% autobiografisch, nicht frei erfunden, basierend auf Erlebtem in einer Zeit, als Menschen in diesem Land viel verloren hatten, nicht nur den Krieg mit seinem vorher nie gekannten Zerstörungspotenzial. Viele sahen sich als die Verlierer, und nicht wenige trauerten den verlorenen Führern und Idealen nach, sahen in den ehemaligen Besatzungsmächten jene, die ihnen alles genommen hatten. In der Ablehnung und offenen Feindseligkeit gegenüber den Müttern und den Kindern von Besatzungssoldaten offenbarte sich jene Gedankenwelt der Verlierer, ihr Hass auf die Sieger. Da war kein Platz für uneheliche Kinder und schon gar nicht für jene Bastarde mit fremder Hautfarbe, die vielerorts anzutreffen waren. Es war kein Platz für Kinder der Schande, selbst wenn sie helle Haut und blonde Locken trugen. Viele Kinder landeten weggeworfen auf der Straße, wurden zum Erziehungspotenzial der staatlichen Fürsorge, landeten abgeschoben in Heimen und Waisenhäusern, die niemand in seiner direkten Nachbarschaft haben wollte. Uneheliche Kinder von den Soldaten der Sieger, und dann nicht einmal mit weißer Hautfarbe, waren schlecht angesehen. Für viele gehörten sie nicht in diese Welt, besonders nicht nach Deutschland, nicht unter richtige „christliche“ Menschen. Ihre verschwundenen Mütter nannte man „Negerhuren“. Darauf basieren meine Erinnerung und diese Erzählung, in die viele Geschichten aus anderen Heimen eingeflossen sind, von Kindern und erwachsenen Menschen, die sie mir erzählt haben, von denen ich weiß und denen ich jetzt meine Stimme gebe. Ich erzähle von ihren Leiden durch tagtägliche Gewalt und Erniedrigung, ihren seelischen Nöten, ihren Träumen und Hoffnungen, die immer wieder enttäuscht werden. In dieser Erzählung vermischen sich die Erinnerungen des Erwachsenen mit denen des Kindes, das ahnungslos und lebensunerfahren mitten hineinfällt in dieses Leben, wehrlos allen Einflüssen ausgeliefert. So bleiben die ersten Erinnerungen fragmentarisch, bildhaft nebulös wie die Nebel des Eschbachtals. Der Leser soll am Anfang ganz bewusst die fragmentarische Sicht eines Kleinkindes erleben, beschränkt auf wenige Bilder und mit der oft unbeholfenen Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes in diese Erinnerungen hineinwachsen, sie miterleben, die Ängste, die Trauer und auch die komischen Momente, wenn Kinder sich Parallelwelten in ihrer Fantasie schaffen, sie hineinsetzen in die brutal, gewalttätige Realität ihres Alltags, um überleben zu können. Das macht es am Anfang nicht leicht die Zusammenhänge und Bilder zu verstehen, so wenig wie ein ahnungsloses Kind sie versteht, weil ihm die dazu gehörende Erfahrung fehlt. Ich verlange dem interessierten Leser/-in durchaus viel ab und fordere ihn heraus sich einzulassen. Ich erzähle die Geschichte aus der Sicht von Fritz Schmidt, dem Findelkind, der zusammen mit seinen Freunden in einem von gewalttätigen Nonnen geführten Waisenhaus mit dem Mut der Verzweiflung einen Kampf für Gerechtigkeit und eine Lebensmöglichkeit aufnimmt, nachdem sein bester Freund unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Doch der scheinbare Sieg am Ende bleibt ungewiss und fragwürdig. Selbstverständlich habe ich dabei den Persönlichkeitsschutz aller handelnden Charaktere gewahrt und lasse auch die Frage unbeantwortet: War es denn jetzt genau so – oder war es objektiv betrachtet doch alles ganz anders. Der Leser/-in muss sich selbst ein Bild im Kopf schaffen.
Gewidmet „Kellerratte“ und den Negerkindern . |