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Fortsetzung Leseprobe
aus: Christian von Kamp: Farbige Steine. Roman
... versuchten, einen fertigzumachen.
Lag es an dem üppigen Abendessen oder an der
beklemmenden Atmosphäre, daß ich mich während der
ersten halben Stunde so bedrückt fühlte? Dr. Radoblatt
leitete die Runde; seine Aufgabe bestand offenbar darin,
mit ausgestreckten Beinen und verschränkten Armen auf
seinem Stuhl zu sitzen und zu schweigen, mit
finsterer Miene, unbewegt. Nie habe ich ihn anders
gesehen; er wartete einfach ab, was sich ereignen würde.
Wir saßen jetzt ebenso stumm da, ließen unseren Blick
von einem zum anderen wandern oder schauten starr vor uns
hin. Die Minuten verrannen, nichts geschah. Bis endlich
einer, der die Regeln bereits kannte, das Gespräch
eröffnete, indem er sich bei uns Neulingen nach dem
Grund unseres Klinikaufenthaltes erkundigte. Was jetzt
folgte, waren Berichte von Krankheiten, Darstellungen
eigener Probleme und Nöte, Meinungen, Provokationen,
aggressive Ausbrüche, Äußerungen des Ekels vor dieser
beschissenen Welt. Ich erschrak über das Elend, das sich
hier offenbarte; soviel Leid war mir nun doch noch nicht
widerfahren. Wie konnte ich da wagen, meine eigenen
Sorgen vorzutragen? Lieber wollte ich die anderen, die es
nötiger als ich hatten, reden lassen. Gewiß mußten
diese Ausbrüche erfolgen, wenn sich jahrelang soviel
Unheilvolles angestaut hatte. Je größer der Ausbruch
so erkannte ich , um so besser die Chance
der Aufarbeitung.
Die teilnehmenden Therapeuten folgten dem Beispiel des
Meisters. Nur wenn ein Patient allzu sehr in die
Schußlinie der Angriffe und Anschuldigungen seiner
Mitpatienten geriet, oder wenn er unter Tränen den Haß
auf seinen Vater bekannte dem er, was ihm erst
jetzt bewußt wurde, den Tod gewünscht hatte ,
dann ging eine der den Arzt flankierenden Psychologinnen
auf ihn zu, umarmte und tröstete ihn.
Im Verlauf mehrerer Therapiestunden verspürte auch ich
das Bedürfnis, meine seelischen Schwierigkeiten
auszudrücken. Doch wie sollte ich mich artikulieren, da
mir das psychologische Vokabular fehlte, um mich den
anderen ausreichend verständlich zu machen? Was wußte
ich schon von Verdrängung, Übertragung und Widerstand
zu sagen, von der Kompensation meiner
Minderwertigkeitsgefühle, von Machtstreben,
Bedürfnisbefriedigung, libidinösen Trieben, von
emotionaler Besetzung, interaktiver Kommunikation oder
Regression in infantile oralerotische Phasen?
Schilderungen in gewöhnlicher Umgangssprache fanden in
dieser Runde nicht die Aufmerksamkeit, die ich mir für
eine Offenlegung meines Innenlebens nun doch gewünscht
hätte.
Auch brachte ich nicht die bewundernswerte Courage
einiger der Teilnehmer auf, die die ganze Gruppe
freimütig an ihrer seelischen Bedrängnis, oft unter
lautem Schluchzen oder begleitet von Kraftausdrücken,
teilnehmen ließen. Schließlich war ich auch insofern
hilflos, als ich nicht wußte, welche Einzelheiten ich
erzählen sollte. An den Symptomen meines Unwohlseins
schien keiner interessiert. Im Gegensatz zu vielen
anderen fielen mir aber auch keine zwischenmenschlichen
Konflikte ein, über die ich mich eingehender hätte
auslassen können; was sollte ich denn schon über eine
gestörte Beziehung zu meinen Eltern oder über
Traumerlebnisse berichten? War es unter diesen Umständen
verwunderlich, daß die anderen mich immer weniger
befragten und mich schließlich gar nicht mehr zur
Kenntnis nahmen?
Natürlich sollte und konnte diese Gruppentherapie bei
einem Patienten, der wie ich nur wenige Wochen oder
vielleicht auch Monate in der Klinik behandelt wurde,
keine Heilung herbeiführen; eher war sie als Anregung
gedacht, nach der Entlassung einer anderen Gruppe
beizutreten, um in ihr weiterhin unbewältigte Traumata
aufzudecken und ein geändertes Verhalten einzuüben
ein Umlernprozeß, der verständlicherweise nicht
in zwei, drei Jahren abgeschlossen sein konnte.
Durch die Gruppengespräche erlebte ich hautnah mit,
unter welch schweren seelischen Nöten auch andere
litten; angesichts dieser gehäuften Probleme erfaßte
mich Angst vor dem unberechenbaren Leben, vor meiner
eigenen ungewissen Zukunft. Und doch tat es mir auch gut,
mit Menschen zu sprechen, die ihr eigenes Leid
befähigte, mehr Verständnis für andere aufzubringen.
Ein Mann schilderte in erschütternder Weise, wie er das
Siechtum seines schwerkranken Vaters miterleben mußte
und nun an organisch nicht erklärbarer Lähmung litt.
Noch deutlich steht mir seine Verblüffung vor Augen, als
der auf Traumdeutung spezialisierte Therapeut ihm nach
einer Reihe von Sitzungen begeistert eröffnete, bei
seinem Traum der vergangenen Nacht, in dem er sich vor
einem Haufen vermodernder Kaninchen geekelt hatte,
handele es sich um das langerwartete Schlüsselerlebnis.
Ein anderer versuchte stotternd und mit unbeholfenen
Worten, seine Befangenheit in größerer Gesellschaft zu
veranschaulichen. Sehen Sie, erklärte ihm
eine Ärztin, ich halte hier zwei Farbtöpfe in den
Händen. Der mit der blauen Farbe ist Ihr
Ich, der mit der roten Ihr
Über-Ich. Die Töpfe sind jetzt getrennt,
weil Ich und Über-Ich nicht
hinreichend kommunizieren, und daraus kommen dann die
Identitätsprobleme. Und so bei diesen
Worten stellte sie die Gefäße übereinander
müßte das laufen, wenn Sie gesund sein
wollen. In dem Moment lachte ich laut auf, sah dann
aber ein, daß ein solches Verhalten unangebracht war.
Christian von Kamp:
Farbige Steine. Roman
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